Von der Linie zum Gefüge: Eine ontologische Verschiebung in der Grenzforschung
Die Grenzforschung hat in den letzten Jahrzehnten einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen. Was einst ein abgesteckter Teilbereich der Politischen Geografie und Internationalen Beziehungen war, hat sich zu einem eigenständigen interdisziplinären Arbeitsfeld entwickelt. Grenzen werden heute nicht mehr als fixe territoriale Linien staatlicher Souveränität verstanden, sondern als dynamische und umkämpfte soziale und kulturelle Prozesse. Diese Entwicklung ist bereits vielfach beschrieben worden (Wilson/Donnan 2012; Gerst et al. 2021; Connor 2023; Wille 2024). Weniger Aufmerksamkeit erhielt bislang die Frage, welche ontologische Verschiebung mit dieser Entwicklung einhergeht.
Vom bordering turn zum composite shift
Ich argumentiere, dass die Grenzforschung einen konzeptionellen Wandel vollzieht, der auf dem bordering turn (van Houtum/van Naerssen 2002) gründet und den ich als composite shift bezeichne. Während der bordering turn Grenzen als Produkte und Produzentinnen sozialer Praktiken reformulierte, wird mit dem composite shift die Tendenz bezeichnet, Bordering-Prozesse verstärkt als zusammengesetzte und relationale Gefüge zu konzeptualisieren.
Die Grenzforschung ging lange Zeit von einer linearen Grenzontologie aus. Selbst dort, wo Grenzen prozessual verstanden wurden, blieb die Linie häufig eine hartnäckige Referenz in der wissenschaftlichen Reflexion. Diese Vorstellung ist jedoch unter Druck geraten: Globalisierungsprozesse, digitale Kontrolltechnologien, neue Mobilitätsregime, transnationale Netzwerke und postkoloniale Perspektiven haben verdeutlicht, dass Grenzen nicht länger (ausschließlich) an territorialen Rändern stattfinden. Vielmehr diffundieren sie über territoriale Ränder hinweg, materialisieren sich in Dateninfrastrukturen, werden in Flughäfen, Datenbanken oder urbanen Räumen wirksam oder folgen Menschen als verkörperte Grenzregime.
Auf diese Entwicklungen hat die Grenzforschung reagiert. So stehen Ansätze wie z. B. Borderscapes (Brambilla 2015), Assemblages (Sohn 2016), Bordertextures (Weier et al. 2018), Border Complexities (Wille 2024) oder die ethnografische Grenzregimeanalyse (Hess/Schmidt-Sembdner 2021) für Versuche, Grenzen jenseits der Linie als ‚compo-sites‘ zu denken. Sie teilen die Annahme, dass Grenzen aus einer Vielzahl verstreuter Elemente bestehen: aus Praktiken, Diskursen, Technologien, Körpern, Affekten u.v.m., die zueinander in Beziehung stehen und in spezifischen Konstellationen als Grenze wirksam werden. Diese Ontologie reflektiert die Verschiebung weg von der prozessualen Grenze als Linie hin zu Bordering-Prozessen als polymorphe und variable Gefüge, die nicht selbst die Grenze bilden, sondern diese erst hervorbringen.
Grenzen als relationale Gefüge
Die skizzierte Entwicklung schreibt sich in aktuelle Trends der Grenzforschung ein und resultiert teilweise aus ihnen. Zunächst steht der composite shift für die Fortschreibung der Bewegung von Grenzen als Linien zu Grenzen als Prozessen.
Weiter bedeutet die gegenwärtige Renaissance von Grenzbefestigungen, nationalistischen Souveränitätsdiskursen und geopolitischen Konflikten dabei keine Rückkehr zu Liniengrenzen. Vielmehr bilden sich machtvolle Gefüge heraus, in denen physische Barrieren, algorithmische Steuerung, biometrische Kontrolle und diskursives Othering ineinandergreifen. Der composite shift hilft insofern, die Gleichzeitigkeit von Entgrenzungen und neuen Vergrenzungen analytisch zu fassen.
Besonders deutlich wird dies mit Blick auf Grenztechnologien. Smart borders, biometrische Grenzregime, KI-gestützte Filtertechniken oder digitale Überwachungsinfrastrukturen zeigen, dass Grenzen nicht mehr nur territorial organisiert sind, sondern als mobile sozio-technische Arrangements operieren und darüber selektive Wirksamkeiten entfalten. Grenzen manifestieren sich damit nicht länger als statische Trennlinien, sondern als dynamische Gefüge heterogener Elemente.
Zugleich reagiert der composite shift auf die gesteigerte Aufmerksamkeit der Grenzforschung für Alltagspraktiken, Affekte und Subjektivierungen. Grenzen als relationale Gefüge bringen nicht nur staatliche Institutionen in den Blick, sondern auch ihr Zusammenspiel mit Erfahrungen, Emotionen, Körpern oder Ästhetiken. Grenzen stehen dann nicht mehr nur für bloße Filterapparaturen, sondern ebenso für erlebte, verkörperte, erinnerte oder ästhetisierte Phänomene.
Gerade weil sich solche relationalen Gefüge singulären disziplinären Erklärungslogiken entziehen, trägt der composite shift schließlich auch der Interdisziplinarisierung der Grenzforschung Rechnung. Die Betrachtung von Grenzen als Gefüge hat das Forschungsfeld z. B. für kulturwissenschaftliche, anthropologische, medienwissenschaftliche, literaturwissenschaftliche und techniksoziologische Perspektiven geöffnet.
Vor diesem Hintergrund kann der composite shift sowohl als Reaktion als auch als Fortschreibung gegenwärtiger Trends der Grenzforschung verstanden werden. Er beschreibt keine vollständige Ablösung bereits etablierter Grenzverständnisse, sondern eine konzeptionell geweitete und analytisch geschärfte Perspektive auf Grenzen, die das Denken in starren Linien ablehnt und das Denken in dynamischen Relationen stark macht.
Komplexe Grenzontologie als Perspektive
Die Zukunft der Grenzforschung könnte deshalb weniger in einer weiteren Ausdifferenzierung des Arbeitsfelds liegen als vielmehr in den Fragen, wie sich die Elemente von Bordering-Prozessen überzeugend zusammendenken lassen, wie solche Gefüge operieren und wie sie adäquat untersucht werden können. Gerade ihre relationale und polymorphe Beschaffenheit legt nahe, Grenzen stärker unter komplexitätstheoretischem Vorzeichen zu denken.
Die aufgekommene Rede von komplexen Grenzen (Gerst et al. 2018) oder Border Complexities (Wille 2024) zeigt bereits, dass sich in der Grenzforschung eine entsprechende Sensibilität für Relationalitäten und Emergenzen herausbildet. Eine breite Debatte darüber, wie sich Grenzen vor diesem Hintergrund tatsächlich als komplexe Gefüge konzeptualisieren lassen, entwickelt sich jedoch erst zögerlich (Wille/Gerst 2026).
Der composite shift verweist damit nicht nur auf eine ontologische Verschiebung in der Grenzforschung. Möglicherweise markiert er auch einen Aufbruch zu einer komplexitätssensiblen Grenzforschung, die Grenzhaftigkeit als kontingente Eigenschaft komplexer Gefüge zu untersuchen vermag.
Persistent Identifier
https://hdl.handle.net/10993/68805
Brambilla, Chiara (2015): Exploring the Critical Potential of the Borderscapes Concept. Geopolitics 20(1), 14-34. https://doi.org/10.1080/14650045.2014.884561
Connor, Ulla (2023): Territoriale Grenzen als Praxis: Zur Erfindung der Grenzregion in grenzüberschreitender Kartografie. Baden-Baden, Nomos. https://doi.org/10.5771/9783845297781
Gerst, Dominik/Klessmann, Maria/Krämer, Hannes (Hg.) (2021): Grenzforschung. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Baden-Baden, Nomos. https://doi.org/10.5771/9783845295305
Gerst, Dominik/Klessmann, Maria/Krämer, Hannes/Sienknecht, Mitja/Ulrich, Peter (2018): Komplexe Grenzen. Aktuelle Perspektiven der Grenzforschung. Berliner Debatte Initial 29(1), 3–11.
Hess, Sabine/Schmidt-Sembdner, Matthias (2021): Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung. In: Gerst, Dominik/Klessmann, Maria/Krämer, Hannes (Hg.): Grenzforschung. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Baden-Baden, Nomos, 190–205. https://doi.org/10.5771/9783845295305-190
Wille, Christian (2024): Border Complexities. Outlines and Perspectives of a Complexity Shift in Border Studies. In: Wille, Christian/Grandits-Leutloff, Carolin/Bretschneider, Falk/Grimm-Hamen, Sylvie/Wagner, Hedwig (Hg.): Border Complexities and Logics of Dis/Order. Baden-Baden, Nomos, 31–56. https://doi.org/10.5771/9783748922292-31
Sohn, Christophe (2016): Navigating Borders’ Multiplicity: The Critical Potential of Assemblage. Area 48(2), 183–189. https://doi.org/10.1111/area.12248.
Van Houtum, Henk/van Naerssen, Ton (2002): Bordering, Ordering and Othering. Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 93(2), 125–136. https://doi.org/10.1111/1467-9663.00189
Weier, Sebastian/Fellner, Astrid M./Frenk, Joachim/Kazmaier, Daniel/Michely, Eva/Vatter, Christoph/Weiershausen, Romana/Wille, Christian (2018): Bordertexturen als transdisziplinärer Ansatz zur Untersuchung von Grenzen. Ein Werkstattbericht. Berliner Debatte Initial 29(1), 73–83.
Wille, Christian/Gerst, Dominik (2026): Rethinking Complexity in Border Studies. Journal of Borderlands Studies (online first), 1–16. https://doi.org/10.1080/08865655.2026.2633123
Wilson, Thomas M./Donnan, Hastings (2012): Companion to Border Studies. London, Blackwell.